Kip Moore hat Ende Februar mit „Solitary Tracks“ sein jüngstes Album veröffentlicht. Am 25. Mai 2025 böte sich in Zürich Gelegenheit, so einiges aus dem 23 Lieder starken Werk live mit ihm live durchzugehen. Und noch eine Menge Gutes dazu.
Mit seinem sechsten Studioalbum offenbart sich Kip Moore in 23 Kapiteln. Im Gegensatz zur Literatur, wo es die Prosa allein bringen muss, kann Musik gleich auf zwei Ebenen punkten – Klang und Lyrik. Wenn es besonders gut läuft, dann überzeugt beides. Wie gut ist das dem mittlerweile 44-Jährigen aus Georgia gelungen, der an diesem Punkt seines Lebens und seiner Karriere einigermassen umfassend versucht hat, sich ausgiebig mit seinem Schaffen und Sein lyrisch auseinanderzusetzen?
Aktuelle Spurensuche
„Solitary Tracks“, das am 28. Februar 2025 erschien, ist der gegenwärtige Stand der Dinge von und bei ihm. Nicht nur musikalisch. Es beginnt mit dem Song High Hopes, der deutlich autobiografische Züge trägt. Im Interview von Ende Februar mit dem Magazin „Esquire“ deutete er an, wie es dazu kam: Obwohl er es – im Gegensatz zu vielen anderen Recording Artists – immer gebracht hat (kommerziell), erlebte er trotzdem eine Zeit, als die Anrufe weniger wurden und dann fast ganz ausblieben. Und dass Leute, die man als Freunde ansah, Anrufe nicht mehr annahmen. „Das liess alles aus mir herausbrechen.“
Im Titellied wird er zum metaphorischen einsamen Wolf, der sich ausserhalb des Rudels am wohlsten fühlt. Es ist das Eingeständnis eines Solitärs, dem er aber eine ebensolche Gefährtin beigibt. Möglicherweise, um nicht zu egozentrisch zu erscheinen. Das schöne, aber auch ziemlich dramatische Livin’ Side und Bad Spot waren die ausschlaggebenden Lieder für die Richtung, die das Album nehmen sollte, das ursprünglich nur auf 13 Lieder ausgelegt war. Am Ende wurde daraus eine umfassende Läuterung in 23 Teilen auf zwei CDs, die ihn als reflektierten Menschen in vielen Dingen und Situationen und nah an der Realität zeigen. In seinem aktuellen jeweils rund dreiminütigen Tun und Lassen in Bild und Ton steckt vermutlich mehr vom echten Kip Moore als bei vielen seiner Kollegen. Er setzt sich dabei mit sich selbst – Tough Enough, Reifeprozessen – Learning As I Go, Liebe – Wildfire, Isolation – Only Me, dem Gefühl der Freiheit – Like Ya Stole It, aber auch den Unwägbarkeiten, die das Leben bereithält, auseinander: Forever Is A Lie.
Bemerkenswert ist, dass einer, der sich in Sportarten wie Golf, Surfen, Snow- und Skateboarden oder Basketball, die ein hohes Mass an Balance verlangen, wohlfühlt und hervortut, ansonsten im Leben jedoch oft kämpft, um stabil im Gleichgewicht zu bleiben. Oder dass er in vielen Liedern absolut keine Berührungsängste zu Frauen und Beziehungen zeigt – ganz im Gegenteil, aber im richtigen Leben in Sachen Beziehungen kompliziert ist und sich bei diesem Thema deutlich verschlossen gibt.
„Solitary Tracks“ ist mehr als ein Musikalbum. Es ist die in Musik ausgedrückte kathartische Zwischenbilanz eines gut 40-jährigen Lebens, das offenbar so gelebt worden ist, dass sein Besitzer das Gefühl hat, von den gern zitierten neun Katzenleben sieben bereits aufgebraucht zu haben, obwohl er es eigentlich besser hätte wissen sollen. Zuletzt aber reifte bei ihm die Erkenntnis, dass der Zeitpunkt erreicht war, ein paar Dämonen und Ängste hinter sich zu lassen und zu versuchen, das Leben fortan auf dessen lebendiger Seite anzupacken. Wahrscheinlich wird der leidenschaftliche Surfer und Snowboarder sich auch weiterhin an ein paar beängstigende Orte wagen und eintauchen, aber womöglich mit einer anderen Einstellung. Der Grund? Dreimal dürfen Sie raten – oder sich gleich das richtig gute Livin’ Side anhören für die Auflösung.
Noch Country?
„Country“ trifft es schon seit Mitte der letzten Dekade nicht mehr so ganz, was er macht. Obwohl einst fast klassisch dort gestartet, ist er heute ein Vertreter des Rock, der von der dunkelroten Scholle seiner Südstaatenheimat aber nicht ganz loskommt. Er selbst umschreibt es so: „Meine Musik bewegt sich mehr an der Grenze zu Rock’n’Roll. Ich hänge mich dort rein, wo meine Stärken liegen. Meine Songs arrangiere ich oft so, dass ich einen Rock’n’Roll-Unterbau zwar mit Country-Texten angehe, aber mich melodisch und inhaltlich an der Grenze zu anderen Genres bewege.“ Im Gegensatz zur Gangart seines Vorbilds Springsteen, bei dem die Arbeitervorstadt auf der Jersey-Seite der Metropole New York im Norden Hintergrund war, ist es bei ihm das Ländlich-Kleinstädtische und Erdige des amerikanischen Südens, das einfliesst. Als „Heartland Rock“, wie ihn etwa John (Cougar) Mellencamp komponierte und bekannt machte, wird das gern bezeichnet. Die meiste Post an Kip Moore trägt zwar weiterhin die Anschrift Nashville, aber er lebt seit 2022 auch an einem abgelegenen Ort an der Küste South Carolinas, wo „ich auch mal nur in Unterwäsche in den Garten rauskann.“ Dort besucht ihn manchmal sein Freund und Bassist Manny Medina und sieht nach ihm, wenn er das Gefühl hat, es sei vielleicht mal wieder an der Zeit oder nötig.
Ein Leben in und auf Wellen
Der sportliche Singer/Songwriter mit der Reibeisenstimme auch für feinere Süssholzraspeleien, der mit einem Golfstipendium ans College kam, ging nach dem Abschluss erst einmal nach Hawaii, wohin er bis heute im Winter jeweils einen Monat zu verschwinden versucht, um auf Maui zu surfen. Dort hauste er eine Zeit lang in einer Strandhütte, weil er sich nichts anderes leisten konnte, und entschloss sich 2004, sein Glück in der Welthauptstadt des Songwriting in Tennessee zu versuchen. Der natürliche Ort, um seine Leidenschaft für das Liederschreiben und Auftreten auszuleben. Mithilfe des Produzenten und Songwriters Brett James – der für grosse Hits wie Jesus Take The Wheel (Carrie Underwood) oder The Truth (Jason Aldean) steht – bekam er 2008 seinen ersten Songwriter-Job bei Universal, Nashville. Vier Jahre später war er ein Hitmaker, der das Vertrauen in ihn mit dem Riesenhit Somethin’ ’Bout A Truck sowie drei weiteren Spitzenplatzierungen und einem starken Debütalbum dankte und rechtfertigte.
Rock-Stop-and-Roll-Karriere
2011 liess er mit der Debütsingle Mary Was The Marrying Kind, einer bitter-süss-wehmütigen Aufzählung über seine zahlreichen Verflossen, erstmals aufhorchen. Mit dem Nachfolger Somethin’ ’Bout A Truck, einer thematisch geradezu klassischen Country-Nummer, eroberte er den Hitparadenspitzenplatz in den USA und Kanada. Gleich von Anfang an deutete sich aber schon an, wo sich sein musikalisches Ich eigentlich heimisch fühlt. Mit diesen schönen Anfangserfolgen zählte er mit Hunter Hayes und Florida Georgia Line zu den erfolgreichsten und erfolgversprechendsten Newcomern der Jahre 2012 und 2013. Das dazugehörige Album „Up All Night“ (2012), das seit 2017 Platinstatus erreicht hat, kam mit den weiteren Top-Ten-Hits Beer Money und Hey Pretty Girl ebenfalls entsprechend gut an. Die Kritik lobte es, und dem Publikum gefiel eindeutig, was es da hörte. Dazu erfüllte es das alte Nashville-Erfolgsrezept – drei Charthits, noch etwas Bemerkenswertes dazu und dann schön auffüllen auf rund ein Dutzend Lieder – bestens. So weit, so gut, drehbuchmässig und erfolgreich.
Mit dem Auftauchen des Duos Florida Georgia Line und deren Monsterhit Cruise im gleichen Zeitraum bog Nashville dann aber in eine neue Richtung ab. Die Welle, die 2011 von Luke Bryan und Jason Aldean mit Riesenhits voll eindeutiger Hip-Hop-Anleihen ausgelöst worden war und danach alles zu überspülen begann, sollte bald schon als „Bro-Country“ in einen Begriff gegossen werden und notorische Bekanntheit erlangen als kommerzieller Riesenerfolg und gleichzeitige künstlerische Bankrotterklärung.
Diese Flut überrollte auch einen der vielversprechendsten Mainstream-Aufsteiger der frühen 2010er-Dekade trotz verheissungsvollen Starts. Kip Moore war musikalisch nicht bro, auch wenn er oberflächlich und vom Namen her perfekt in jene Schablone gepasst hätte. Im Herzen ist der bekennende Springsteen-Fan ein Rocker, Romantiker und ein Eigenbrötler, der eigene Vorstellungen hatte, was er machen und erzählen wollte. Mit seinem nächsten Album „Wild Ones“ (2015) ging er es an. Einer Platte, „an die ich so glaubte“.
Allerdings erst im zweiten Anlauf. Als die nächsten beiden Singles – Young Love und Dirt Road – im Radio nicht wie erwartet verfingen – erstere lag auf dem Höhepunkt der Bro-Country-Periode einfach nicht im Trend der Zeit, letztere war ein konturenloses Mischmasch aus Bro, Rock und Country –, entschloss er sich, den ersten Versuch einzustampfen und unter Beizug des Produzenten Chris DeStefano ein ehrlicheres, näher bei seiner Natur liegendes, rockigeres Album ganz neu aufzunehmen. Damit grenzte er sich, ohne es ausdrücklich zu sagen, hör- und spürbar vom Bro-Country ab. Die Konsequenz war allerdings, dass er nach einem kommerziellen Bilderbuchdurchbruch mit 31 nun mit 35 Jahren auf einem Nebengleis landete.
Der Eindruck, als sei Kip Moore nach erfolgreichem Start etwas unter die Räder gekommen, trügt dennoch. Die Hip-Hop-Anklänge – im Country-Umfeld bisweilen auch abschätzig als „Hick-Hop“ bezeichnet –, die Florida Georgia Line, Luke Bryan, Jason Aldean, Sam Hunt oder Thomas Rhett damals über die Country-Grenzen hinaus hochkatapultierten, waren einfach nicht seins. Zweifellos verschaffte ihm seine Musik mit den unverhohlen rockigen Untertönen und einer gewissen Introvertiertheit in einem Umfeld, wo das Oberflächliche richtig Party machte, kein Ticket unter Brüdern für die Reise Richtung ganz grosser Erfolg – ja, noch nicht einmal Zugang auf den Bahnsteig, wo der Zug abging wie eine Rakete. Aber mit „Wild Ones“ steckte er das musikalische Terrain ab, auf dem er sich fortan sah und wohlfühlte. Seine Fanbasis verringerte sich zwar, aber wurde dadurch auch eine verschworene. Wer zu seinen Konzerten kam, der wollte seinetwegen dorthin und nicht, weil er gerade einen Hit hatte in den Charts. Seine nächsten Singles waren nur noch mittlere Radio- und Charterfolge. Kein Vergleich mit den Erstlingserfolgen. I’m To Blame klang verdächtig nach Bryan Adams, aber Running For You danach war klassischer Ausdruck seines rockbasierten, groovigen Sounds, der ihn bis heute begleitet.
Auf seinem nächsten Album „Slowheart“ (2017) findet sich mit Last Shot zwar nicht sein grösster Hit, aber eines der berührendsten Gesamtkunstwerke der neueren Country-Geschichte. P. J. Browns Video, eigentlich ein Kurzfilm über Freundschaft, Liebe, Leben und Tod, zusammen mit Moores Gesang und Songidee – „etwas im Aerosmith-Stil machen“ – wären allein Grund genug, um zu seinem Zürcher Auftritt zu pilgern. Dort mit Menschen, die man im Herzen trägt, und einem ganzen Konzertsaal den Refrain „If you were my last shot …– wenn du meine letzte Chance wärst …“ einfach aus voller Kehle mitzusingen, könnte ein bleibendes Erlebnis bescheren.
Auch die Hitsingle aus seinem vierten Studioalbum „Wild World“, das im Mai 2020 erschien, und von der Corona-Pandemie überschattet wurde, ist nicht das typischste Lied der Platte. Aber der Clip zu She’s Mine, den wiederum P. J. Brown in Szene setzte, machen Bild und Ton in diesem Fall zum höchst eingängigen Ohren- und Augenschmaus. Darin trat der mittlerweile 40-Jährige unvermittelt noch einmal als jugendlicher Charmeur auf, der kaum älter als 25 wirkte. Ein bisschen wie damals Mitte der 00er-Jahre, als er wohl nicht zuletzt deswegen bei der später wegen Ausgrenzung in Verruf geratenen Modekette Abercrombie & Fitch, wo gutes Aussehen das zentrale Geschäftsmodell war, einen Job in Nashville fand. Darüber hinaus verraten die leichtfüssigen Bilder des Clips gemeinsam mit dem Liedinhalt so einiges über den mittlerweile weitgereisten 44-Jährigen, der sich in Herzenssachen nicht unbedingt leichttut, weshalb er auch den Spitznamen „Slowheart“ bekommen hat. Und auch über sein Frauenbild.
Die Gegenwart
Zeichnete man Kip Moores Karriereverlauf auf, läge über der horizontalen Zeitachse eine Wellenlinie. In jüngerer Zeit surft er wieder ganz obenauf. Nach erfolgreichen Tourneen in Ozeanien, UK und vollen Stadien in Südafrika, wo ihm ein DJ, der seine Songs im Pop- und Rock-Radio ständig spielte, fast eigenhändig zu unerwartet grosser Popularität verhalf, verlieh ihm im Januar 2025 die CMA den „International Artist Achievement Award 2024“ für die Förderung der Country-Musik ausserhalb der USA. Am 28. Februar 2025 erschien „Solitary Tracks“, das auch seiner laufenden Welttournee 2025 den Titel gibt, die ihn Ende Mai ins Zürcher Kaufleuten führen wird. Das sollte man sich in der Agenda ankreuzen, wenn man Country-Musik gern rockig oder Rock-Musik gern erdig mag und mit Springsteen oder Bryan Adams etwas anzufangen weiss.
