Dolly allgegenwärtig

Dolly Parton, Bild: Carl Beust, shutterstock.com
Dolly Parton, Bild: Carl Beust, shutterstock.com

Dolly Parton ist auch im fortgeschrittenen Alter immer noch omnipräsent. Im Spätherbst ihrer grandiosen Karriere bleibt der grösste globale Country- und einer der grössten Weltstars der modernen Musik überhaupt weiter aktiv und einflussreich.

Text: Thomas Kobler, Bild: Carl Beust, shutterstock.com

Von Beyoncé über Lainey Wilson, der aktuellen CMA- und ACM-„Entertainer of the Year“-Award-Gewinnerin, bis zu den derzeit vielversprechenden Talenten Megan Moroney oder Sierra Ferrell – überall finden sich Dolly-Spuren. Die neuste Referenzen sind das flott-fröhliche Lied Hey There Dolly von Willow Avalon oder das jüngste Projekt „Threads: My Songs in Symphony“ der Diva. Letzteres wird ihre grössten Lieder mit Sinfonieorchesterunterstützung und Multimediashow auf die Bühne/Leinwand bringen in naher Zukunft. Unlängst hatte R&B-Superstar Beyoncé auf hörenswerte Weise ihren Signature-Song Jolene für ihr aufsehenerregendes neues Album „Act II – Cowboy Carter“ – mit Grussworten von Dolly darauf – gecovert. „Ich denke, sie machte einen tollen Job (Country-Musik) – grossartig. Und ich war einfach froh, dass sie Jolene aufnahm“, erzählte sie kürzlich im Interview mit „E! News“.

Lainey Wilson schrieb in vollem Ernst das Lied WWDD, im Klartext: What Would Dolly Do – Was würde Dolly machen? Kein anderer Nachwuchsstar erinnert äusserlich momentan mehr an die „Backwoods Barbie“, als die sich Dolly Parton (78) in ihrer unvergleichlich-selbstironischen Art auch gern selbst bezeichnet, als Megan Moroney (26). Sierra Ferrell sähe ihr mehr als nur zum Verwechseln ähnlich unter einer blonden Perücke und mit etwas Retro-Schminkkunst im Gesicht. Ganz zu schweigen von Miranda Lambert, die in jungen Jahren mit entsprechender Frisur/Perücke der jungen Dolly aus Porter-Wagoner-Assistentinnenzeiten wie aus dem Gesicht geschnitten geglichen hätte.

Am atemberaubend-selbstbewussten Auftritt ihres Patenkinds Miley Cyrus bei der Grammy-Verleihung im Februar, die mit ihrem Grammy-Gewinner Flowers Dollys Frauenpanorama Eagle When She Flies noch ein unglaubliches Kapitel hinzufügte, hatte sie auch ihren Anteil und helle Freude gehabt. Zuvor hatte Elle King, die am 19. Januar 2024 in der Grand Ole Opry zur Feier des 78. Geburtstags der Ikone offensichtlich betrunken aufgetreten war und dabei auch gleich noch zur besten Sendezeit öffentlich fluchte, für einen Eklat gesorgt und einen nationalen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Sünderin bat danach öffentlich bei der Opry und brieflich bei Dolly Parton um Verzeihung. Vor einem Monat erklärte sie sich im „Dear Chelsea (Handler)“-Podcast zum Vorfall: Sie habe mit „etwas sehr Schwierigem und Traumatischen zu kämpfen gehabt“ damals, erzählte sie. „Ich hatte über Tage nicht gegessen und geschlafen, und am Tag des Auftritts kam alles zusammen. Ich leide an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, hatte einen Shot zu viel und war einfach nicht bei mir. Ich konnte mich nicht erinnern, was ich damals gesagt hatte. Ich stand total neben den Schuhen.“ Parton rief sie daraufhin zurück und versicherte ihr, dass sie das Ganze sehr gelassen gesehen habe, erzählte sie über das Telefongespräch mit ihr: „Well, Dolly ist nicht verärgert über Dich, warum sollte es die Welt sein?“, zeigte die Ikone, die schon so einiges erlebt hat in ihrer langen Karriere, viel Verständnis. Standesgemäss in der dritten Person, Einzahl. Elle King war damals nicht für einen Auftritt vorgesehen gewesen; sie sprang auf den letzten Drücker ein, weil es eine kurzfriste Absage gegeben hatte.

Auch hierzulande ist Dolly in der Musik­szene weiterhin präsent. Die Schweizer Singer/Songwriterin Ginny Loon (27) liess sich vor nicht langer Zeit von ihr zum Song Dolly’s Favourite inspirieren. Wie auch schon Heather Hoy, die ehemalige Sängerin und Songwriterin der hiesigen Band Unifour, und nicht zuletzt Sina. Beide verwiesen schon oft auf sie.

Wer sich mit Country-Musik und deren Umfeld eingehender befasst, dem fällt auf, dass die Generation junger Künstlerinnen im Genre häufig Shania Twain und Taylor Swift als Inspiration oder musikalische Vorbilder in den Vordergrund stellt. Das ist nicht weiter erstaunlich, war oder ist doch deren Musik oft prominenter Teil des Soundtracks ihres jungen Lebens. Es sind auch diese beiden Superstars, die auf globaler Bühne Erfolge erzielen, die mit denen Partons vergleichbar sind, weshalb es nicht überraschen sollte, dass diese weiterhin so einflussreich geblieben ist. Gerade bei denen, die es zu Superstarstatus gebracht haben oder noch danach streben.

Was also sind die Gründe, warum ein Star, die sich seit Jahrzehnten ohne Berührungsängste und Umschweife zu ihrer grandios übertriebenen Selbstdarstellung bekennt – „Es kostet ein Vermögen, so billig auszusehen“ –, weiterhin so beliebt wie massgeblich ist?

Es sind zum einen die so unterschiedlichen wie vielfältigen Wahrnehmungen des interessierten globalen Publikums, aber auch der ganzen Musikwelt, die Dolly Parton in der Summe zur womöglich grössten Ikone der Country-Musik machen. Einen vergleichbaren globalen Bekanntheitsgrad wie sie haben bisher nur Shania Twain, Taylor Swift, Kenny Rogers, Garth Brooks und Johnny Cash erreicht aus dem Country-Genre heraus.

Viele bewundern sie für ihr ganz aussergewöhnliches Talent als Komponistin. Sie hat in ihrer langen Karriere Tausende Songs geschrieben, viele Hundert aufgenommen, von denen eine zweistellige Anzahl die Spitzenplätze der Hitparaden erreichten oder wie Jolene gar zu Standards wurden. Eben erst hat das „Rolling Stone“-Magazin Jolene an die Spitze seiner auf 200 Lieder erweiterten Liste der „grössten Country-Songs aller Zeiten“ gesetzt. Dazu kamen grosse Welthits wie Islands In The Stream oder I Will Always Love You. Man könnte auch nur ihre Geschäftstüchtigkeit bewundern, die sie bereits zu einem der reichsten Musikstars der Welt gemacht hatte, als noch weit kleinere Brötchen gebacken wurden als heute. Oder ihre helle, unverwechselbare Sopranstimme, die manchem Boomer sofort klarmacht, wer da grad aus dem Radio erschallt oder von einem Streaming-Algorithmus vorausschauend eingeschleust wurde.

Damit sind ihre menschlichen und humanistischen Qualitäten noch nicht einmal gestreift. Sie ist nicht nur eine umwerfende und humorvoll-schlagfertige Gesprächspartnerin in Talkshows oder bei jeder Art öffentlicher Auftritte, sondern auch eine Meisterin darin Haltung zu zeigen, ohne Haltungen aufzudrücken. Oder darin, sich geschickt herauszuhalten, wo nichts zu gewinnen ist. Wer auf ihrer Stufe im Showbusiness eine 58-jährige Ehe ohne Nebengeräusche führen kann, muss auch Qualitäten haben, die über das Offensichtliche hinausgehen. Eine gute Köchin sei sie, wussten einige am Set zum Kino-Blockbuster „9 to 5“ (1980) zu berichten, die sie dort manchmal mit Selbstgekochtem verpflegte. Natürlich kann sie es sich leisten, eine grosszügige Spenderin für Hilfsprojekte zu sein oder diese sogar selbst ins Leben zu rufen, so wie ihre „Imagination Library“, die seit 1995 gratis Bücher (bisher rund 200 Millionen Bände) an Kinder bis zum fünften Altersjahr verschickt hat. Aber das muss man auch erst einmal wollen und dann durchziehen. Mit dem Vergnügungspark „Dollywood“ (siehe Country Style-Ausgabe Nr. 114, April 2020) schuf sie nebenher eine der grössten Tourismusattraktionen in Tennessee, die in der ländlichen Gegend um Pigeon Forge Arbeitsplätze und eine geschätzte Wertschöpfung von knapp zwei Milliarden Dollar im Jahr sichert. Die neuste Attraktion, die am „Memorial Day“-Wochenende jetzt Ende Mai Eröffnung feierte, ist „The Dolly Parton Experience“: Eine Museum-Multimedia-Kombination über ihr aussergewöhnliches Leben. Und ihr nächstes Grossprojekt ist auch schon angekündigt: das Broadway-Musical „Hello I’m Dolly“, das 2026 auf die Bühne kommen soll, wenn alles nach Plan läuft.

Das womöglich Entscheidende aber ist, dass Dolly Parton bereits in Kindertagen die Kraft und Macht der Bilder instinktiv verstand. Bilder aus Katalogen oder das attraktive Aussehen eher leichtlebiger Frauen in ihrer Umgebung – „Village Tramps“, wie ihre Mutter diese abschätzig nannte – weckten ihre Fantasie schon früh. In Nashville perfektionierte sie dann das öffentliche Bild von sich als Erkennungs- und Erfolgsfaktor. Lainey Wilson oder Megan Moroney haben in Sachen Image ganz genau hingeschaut.

In einem Leben voller Höhepunkte und grosser Anerkennung hatte sie 2014 bei ihrem Auftritt in Glastonbury (GB) auf der legendären „Pyramid Stage“, der pyramidenförmigen Hauptbühne des riesigen Musikfestivals, vor einem Meer von Menschen und bunten Fahnen einen ihrer wohl unvergesslichsten und denkwürdigsten Auftritte. Man erlebte dort eine kleine Frau, eine grosse Künstlerin und einen herausragenden Menschen. Das spürte das Publikum, und Dolly Parton ihrerseits spürte dessen grosse Zuneigung. Zumal bei einem Auswärtsspiel fern der Heimat und vor einer ganz anderen Generation als der ihren. Dazu noch mit Musik, die man in Glastonbury für gewöhnlich nicht zu hören bekommt.

Man musste mit Country nichts am Hut haben, um zu begreifen, dass mehr als nur die Kunst und ein grosser Star gefeiert wurden bei jenem Auftritt. Man feierte ein Konzert lang das Menschsein mit jemandem, die es ein Leben lang beispielhaft vielschichtig und lustvoll verkörpert hat. Gepredigt hat sie nie, aber vom Vorleben und Vorsingen liess sie sich auch nie abhalten. Darum ist sie bis zum heutigen Tag relevant und ein Vorbild über Generationen geblieben. Ihre vor zwei Jahren von ihr zunächst abgelehnte Aufnahme in die Ruhmeshalle des Rock’n’Roll – dessen Sound Generationen weltweit beeinflusste und veränderte wie keiner zuvor und danach – ergab aus diesem Blickwinkel durchaus Sinn. Dolly Parton ist kein Glücksfall für die Country-Musik – sie ist bis heute ein Glücksfall für die Musikwelt und weit darüber hinaus.