Gitarren-Hero, Romantiker und Scherzkeks

Brad Paisley (C) Bild: Christoph Volkmer
Brad Paisley (C) Bild: Christoph Volkmer
Lange genug hat sich Brad Paisley Zeit gelassen – jetzt kommt der 46-Jährige erstmals in die Schweiz. Der talentierte Sänger und Gitarrist tritt am Dienstag, 15. Oktober 2019 bei der Baloise Session in Basel auf. Zahllose Hits, eine grossartige Gitarrentechnik und ein überbordender Spieltrieb dürfen erwartet werden.

Wie lange Fans auf die erste Visite warten mussten, belegt ein Blick in die lange Discografie. Denn vor drei Monaten feierte das Debütalbum „Who Needs Pictures“ seinen 20. Geburtstag. 20 Jahre, in denen viele Künstler, mit denen der Vollblutmusiker in den Anfangstagen seiner Karriere noch auf der Bühne gestanden hat, längst mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden sind.

Dem Mann aus der Kleinstadt Glen Dale, West Virginia ist es dagegen gelungen, gefühlt immer präsent zu sein. Und das auf sympathische Weise, denn dem Entertainer genügte die meist eigene Musik, damit über ihn gesprochen oder besser mit ihm gesungen wird. Seine Lieder enthüllen eine geistreiche Persönlichkeit, die bodenständig geblieben ist. Private Eskapaden finden sich im Lebenslauf keine. Dafür aber reichlich Erfolge – so beheimatet der Trophäenschrank schon drei Grammys, zwei American Music Awards sowie jeweils 14 Preise der Academy of Country Music und der Country Music Association.

Seine erste Gitarre bekam der Knabe mit acht Jahren in die Hand gedrückt, zwei Jahre später gab es den ersten öffentlichen Auftritt in einer Kirche, mit zwölf Lenzen verfasste der Schüler seine ersten eigenen Lieder. Dass der Junge das Gitarrenspiel nicht nur als schmückendes Beiwerk in sich aufgesogen hat, dürfte besonders an seinem mittlerweile verstobenen Gitarrenlehrer Clarence „Hank“ Goddard gelegen haben, mit dem der Teenager seine erste Band The C-Notes gründete.

2008 würdige Paisley seinen Lehrmeister, den er „als Engel mit schwieligen Händen“ bezeichnete, auf „Play – The Guitar Album“. Bei More Than Just This Song singt er – unterstützt vom 80er-Jahre-Star Steve Wariner – unter anderem „Under his wing I learned to fly. On these six strings through this life.“ Da wird es ihm und dem Hörer ganz warm ums Herz. Nicht der einzige Titel, mit dem Paisley in seiner Karriere mitten ins Herz getroffen hat. So gehört das an seine Ehefrau Kimberly Williams-Paisley adressierte She’s Everything aus dem Jahr 2005 zu den besten Liebessongs, die das Genre hervorgebracht hat. Das Rezept scheint – wenn man mit derartigem Talent gesegnet ist – einfach zu sein, beschreibt Paisley im Lied lediglich seine Frau und was diese gerade trägt. „Songwriting ist, wenn du dir ansiehst, was um dich herum ist, und du sagst: ‚Ich werde darüber ein Lied schreiben.‘ Um ehrlich zu sein, sind diese Lieder auch einfacher zu schreiben“, so Paisley über Liebeslieder.

Doch noch etwas lieber als die Rolle des Romantikers ist dem Musiker die des Schelms, der die eigene Musik nicht besonders ernst nimmt. Schon auf dem Debüt hat er mehr gewagt als andere. So nahm er sich die Freiheit, einen Instumentalsong unter die Titel zu mischen. Die virtuose Nummer The Nervous Breakdown hat heute Kultstatus und gehört noch immer zum Repertoire. Paisley beliess es nicht dabei, schon beim 2001 veröffentlichten Nachfolgeralbum „Part II“ legte er mit Munster Rag einen weiteren Song ohne Gesang, aber mit furiosem Gitarrenspiel nach. Ein Album später – „Mud On The Tires“ (2003) – führte er zusätzlich als Hidden Track noch seine ganz eigene Art von Witzerzählungen ein. Als humoristische Stammgarde hatte er Little Jimmy Dickens, George Jones und Bill Anderson am Start, die auf dem Nachfolger „Time Well Wasted“ zwei Jahre später erneut zum Einsatz kamen. Selbst Dolly Parton, mit der Paisley für das Album die intensive Ballade When I Get Where I’m Going eingesungen hatte, liess sich nicht lumpen und übernahm eine Sprechrolle für den Outtake-Gag. Als dann noch William Shatner aus der Serie „Raumschiff Enterprise“ am Ende des Albums darauf hinwies, dass die Scheibe zu Ende ist, sollte jedem klar geworden sein, dass Paisley einen besonderen Humor hat und zudem nicht nur in Musikerkreisen höchste Anerkennung geniesst. Einen bis heute sehenswerten Beweis dafür lieferte 2003 das Musikvideo zum Hit Celebrity, das mit Auftritten von William Shatner, Jim ­Belushi und Seinfeld-Star Jason Alexander diverse TV-Formate parodierte. Umgekehrt ist der Telecaster-Liebhaber nicht nur bei TV-Shows ein gefragter Gast. So tauchte der Sänger bereits in einer Episode der Zeichentrickserie „South Park“ auf und spielte – wie seine Frau – bei der Sitcom „Two And A Half Men“ mit.

Nach dem obligatorischen Weihnachtsalbum, das 2006 frische Interpretationen der üblichen Klassiker beinhaltete, legte der zum landesweit bekannten Star aufgestiegene Sänger „5th Gear“ (2007) nach. Die Erfolgskurve sollte mit dem fünften Album steil weiter nach oben führen. Auf der Tour spielte der smarte Cowboyhutträger vor über einer Million Fans. Ticks, Online, Letter To Me und I’m Still A Guy schafften es auf Platz eins der Country-Musik-Single-Charts. Für das Instrumental Throttleneck bekam der Songwiter endlich seinen ersten Grammy. Folgerichtig legte „Mr. Spielfreude“ das schon erwähnte überwiegend instrumentale Album vor – und landete mit der einzigen Single Start A Band, dem Duett mit Keith Urban, einen weiteren Nummer-eins-Hit. Selten gab es so hoch in den Charts einen Song mit so ausgiebigem Gitarrenspiel zu hören. An der Platte mit dem wohl lieblosesten am PC gebastelten Cover der letzten Jahrzehnte beteiligt waren zudem (Saiten-)Grössen wie Vince Gill, Albert Lee und B. B. King.

Die schön traurige Midtempo-Ballade Then leitete das nächste Kapitel der Erfolgsstory ein. Die Single stellte die zehnte Nummer eins hintereinander dar und fungierte als Vorbote des „American Saturday Night“-Albums (2009). Musikalisch einer der vielseitigsten und besten Arbeitsnachweise aus dem Studio, unter anderem weil darauf der Gitarrist bei Stücken wie Oh Yeah, You’re Gone und She’s Her Own Woman seine bluesigen Vorlieben auslebte.

Vor zehn Jahren folgte dann ein besonderer Auftritt: Paisley spielte im Weissen Haus für den amtierenden Präsidenten Barack Obama. Als Mitbringsel hatte er mit dem Song Welcome To The Future eine für den Präsidenten verfasste Nummer dabei, bei der es unter anderem um Vorteile interkultureller Beziehungen geht.

Im Frühjahr 2011 erblickte das Album „This Is Country Music“ das Licht der Welt. Die Weltpremiere des gleichnamigen Songs bei den 44th CMA Awards hatte dem Musiker stehende Ovationen beschert, was bei den üblicherweise recht steifen Preisverleihungen alles andere als die Regel ist. Viel Applaus gab es ebenso für die vielen Gastauftritte auf der Platte. Ganz vorneweg für den Hit Old Alabama, die wunderbare Zusammenarbeit mit den in die Jahre gekommenen Country-Helden. Oder aber Remind Me – das mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Gefühlsduett mit Carrie Underwood. Sogar Clint Eastwood liess sich nicht lumpen und wirkte beim nach ihm benannten Wildwestinstrumental mit.

Nach dem illustren Starstelldichein zog sich der Sänger 2012 auf der Suche nach neuen Einflüssen mit seinen Livemusikern auf einen Bauernhof zurück. Neu zudem, dass er bei der Produktion nicht auf Frank Rogers zurückgriff, sondern sich dieses Mal selbst hinter die Regler setzte. Das ein Jahr später veröffentlichte „Wheelhouse“ steckte tatsächlich voller Ideen und Klangexperimente – was viele Hörer überforderte, die auf der Suche nach einem roten Faden nicht fündig wurden.

Als „modernes Honkytonk-Album, wie es Buck Owens gemacht hätte“, kündigte Paisley 2014 seinen nächsten Output „Moonshine In The Trunk“ an, den er in einem Studio aufgenommen hatte, das über eine eigene Bar verfügte. Als Ergebnis gab es neben viel Bud Light bei Crushin’ It auch den Besuch am Flussufer (River Bank), wo man für wenig Geld, aber mit Kumpels, Mädels und Sixpacks viel Spass haben kann. Wie das aussieht, ist im dazugehörigen Clip zu sehen, bei dem die Musiker mit ihren Instrumenten planschen. Es passt zum Scherzkeks, dass dabei ein Wasserski fahrendes Eichhörnchen allen die Show stiehlt. Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und Spass zu haben – dieses durchaus verkaufsfördernde Lebensgefühl kann kaum einer so glaubhaft wie der Mann aus West Virginia rüberbringen. Dass sich die Begeisterung für den Sänger längst nicht mehr nur auf die USA und Kanada beschränkt, zeigen Chartplatzierungen in den genreübergreifenden Hitlisten in England (Platz 34), Norwegen (Platz 13), Australien (Platz 14) und der Schweiz (Platz 49).
Doch selbst in einer erfolgsverwöhnten Karriere gelingt nicht alles. Das uninspirierte Duett Without A Fight mit Pop-Sängerin Demi Lovato haute 2016 weder Country- noch Pop-Fans aus dem Sattel. So sprang gerade mal ein 23. Platz in der Country-Hitliste heraus. Als wolle er den Flop wieder wettmachen, holte er 2017 Mick Jagger, John Fogerty, Bill Anderson und Hip-Hop-Produzent Timbaland für „Love And War“ an Bord. Unterm Strich mehr eine PR-Aktion als ein musikalisches Ausrufezeichen. Am Puls der Zeit präsentierte sich der Songschreiber dennoch, beispielsweise indem er der New-Media-Generation mit selfie#theinternetisforever den Spiegel vorhielt. Dennoch – die ganz grossen Hits fehlten dem Album, und erstmals gab es keine Nummer-eins-Single. Die 26.000 in der ersten Woche verkauften Exemplare des Albums reichten zwar für den ersten Rang in den Billboard-Country-Charts, waren im Vergleich zu den Vorjahren aber eine Enttäuschung.

Während sich die Kurve in den USA langsam nach unten orientiert, erreichte Paisley in der Schweiz mit dem aktuellen Album seine bisher höchste Platzierung in der Hitparade. Der Platz 26 ist sicher ein Grund, warum der Musiker jetzt im Rahmen seiner Tour erstmals vorbeischaut. In Basel erwartet die Zuschauer neben einem Füllhorn an bekannten Hits zudem der ein oder andere Song vom nächsten Album. Dazu werden wohl die beiden Singles Bucket Off und My Miracle gehören. Letztes ist eine typische Liebesballade, während der Sänger Bucket Off selbst als „Turbo-Honkytonk, der an die Country-Musik der 80er und 90er erinnert, aber auch sehr futuristisch ist“, bezeichnet. Da dürfte einem grossen Konzert­abend nichts mehr im Wege stehen.