Mit seiner Nominierung unter den fünf „New Artist of the Year“-Anwärtern bei den anstehenden 58. CMA Awards, die am 20. November 2024 in Nashville vergeben werden, macht Neuling Zach Top weiter Fortschritte mit Rückschritt.
Der 27-Jährige aus dem nördlichen Westküstenstaat Washington zählt zweifelsohne zu den Entdeckungen des Jahres. Es ging gleich früh und bemerkenswert los. Am 8. Januar 2024 erschien seine Debütsingle Sounds Like The Radio. Tatsächlich hörte es sich bei ihm genauso an, allerdings nicht wie im Lied des Reimes wegen nach 1994, sondern mehr wie aus dem Country-Radioprogramm so um 1992, als Garth Brooks, Clint Black, Brooks & Dunn, Alan Jackson und George Strait den Ton angaben. Nimmt man auch noch den Debüthit Sticks And Stones des jungen Tracy Lawrence dazu und There Ain’t Nothing Wrong With The Radio von Aaron Tippin, die in jenem Jahr die Spitze der „Billboard“-Hot-Country-Singles-Charts belegten, dann wird die Nähe so deutlich, wie die Glarner Alpen an einem Föhntag von der Zürcher Quaibrücke aus betrachtet.
Zurück in die Zukunft?
Was soll das denn werden, stirnrunzelte man vielleicht, als man ihn letzten Winter zum ersten Mal hörte, während man dazu, zumindest als Country-Freund aus der Boomer-Generation mit einschlägiger 90er-Country-Erfahrung, einigermassen vergnügt mit den Fingern im 4/4-Takt rhythmisch mittrommelte. Mittlerweile hat sich einiges weiter aufgeklärt: Zach Top, der junge Mann mit dem Namen eines Helden aus einem 60er-Jahre-Superheldencomic, erlaubte sich keinen Scherz. Ihm war es ernst mit diesem Sound, und er legte sogar nach, indem er sein Debütalbum „Cold Beer & Country Music“ auf den 5. April 2024 ankündigte.
Daraufhin brach in Nashville zwar nicht gleich die Hölle los, und Hemden mit dicken Längsstreifen oder Jeans mit Bügelfalten und riesigen Gürtelschnallen wurden auch nicht gleich wieder zum letzten Schrei, aber das war 1989 beim Erscheinen von Garth Brooks’ gleichnamigem Debütalbum auch nicht der Fall. In interessierten Kreisen kam man aber kaum umhin, vom Newcomer, der im Sommer 2022 sein Debüt in der Grand Ole Opry hatte feiern dürfen, stärker Notiz zu nehmen. Zu verblüffend war dieser Auftritt, zu gut sein twangiger Gesang, und das Gitarrespielen hatte er auch drauf. Dazu sah er so frisch aus wie jene jungen Kerle, die damals vor rund 30 Jahren das Genre eroberten. Ein echtes weiteres Country-Wunder also?
Nur in Amerika
Leider nicht. Dennoch steckt in seinem Werdegang eine Geschichte, die man eindeutig in die Rubrik „Das gibt es nur in Amerika“ einreihen muss. Wo sonst werden Vierjährige zum Gitarrenunterricht geschickt und landen bei einer Lehrerin mit Hang zu Blue-grass-Musik? Wo sonst wird daraus eine kleine Bluegrass-Band aus vier Geschwistern (Top String), die fortan die Sommer über oft bei Festivals in der ganzen Region auftreten würde – „wo man uns liess und keine Dinge nach uns warf“? Wo sonst kann man auf einer Hobbyfarm mit Haus- und Nutztieren aufwachsen, wo die Mutter den Nachwuchs vormittags zu Hause unterrichtet und nachmittags unbeaufsichtigt aus dem Haus scheucht, bis es Zeit zum Abendessen ist? Wo sonst könnte man davon träumen, Team-Roper beim Rodeo zu werden, nur um rasch herauszufinden, dass man einfach nicht begabt genug war auf dem Gebiet? Und wo sonst fände ein Kind mit einer Gitarre einen Aktenkoffer voll Musikkassetten von Keith Whitley, George Strait oder Marty Robbins im Keller und verbrächte viele Stunden damit, diese buchstäblich aufzusaugen?
Der Rückruf
Obwohl schon früh einige Grundsteine gesetzt wurden, begannen die Dinge erst so ab 2017 weiter Gestalt anzunehmen. Mit der Band Modern Tradition, deren Frontmann er mittlerweile war, gewann er einen kleinen Wettbewerb für Bluegrass-Bands in jenem Jahr. Als Daryle Singletary im Februar 2018 überraschend starb, stellte er an dessen Todestag ein kurzes Video auf Facebook, in dem er dessen Song Spilled Whiskey sang und damit ersten Eindruck machte auf Social Media. Jedenfalls so viel, dass er von einigen Leuten aus der Country-Szene kontaktiert wurde. Unter vielen, auch dubiosen, Angeboten hatte seine damalige Freundin und heutige Gattin Kenzie eine E-Mail „von einem Typen namens Carson Chamberlain“ gefunden. Sie googelte ihn und fand heraus, dass er in der Vergangenheit der Bandleader von Keith Whitley war und mit Alan Jackson und Mark Wills gearbeitet hatte. Sie machte Zach darauf aufmerksam, woraufhin dieser ihn in Nashville kontaktierte.
Mechaniker oder Musiker?
Trotz seiner bereits beachtlichen Musik- und Bühnenerfahrung in jungen Jahren stand eine Musikkarriere nicht im Vordergrund. Mit 17 war es an der Zeit, das Elternhaus in Sunnyside, Washington zu verlassen. Seine Eltern schickten ihn nach Colorado, wo eine ältere Schwester lebte, um eine Ausbildung als Mechaniker (Mechanical Engineer) zu machen. Als sich ihm jedoch die Chance im Musikgeschäft auftat, musste er nicht lange überlegen und ergriff sie. Die Begeisterung daheim über den Entschluss, die angefangene Ausbildung abzubrechen, sich mit Jobs auf dem Bau über Wasser zu halten und alles auf die Karte Musik zu setzen, hielt sich verständlicherweise in engen Grenzen.
Bei Carson Chamberlain landete er aber in erfahrenen Händen. Es begann damit, dass er anfangs während zweier Jahre eine Woche pro Monat nach Nashville flog, wo er jeweils bei Chamberlain unterkam, der ihm Songwriting-Sitzungen mit gestandenen Nashville-Veteranen, darunter Mark Nestler (Just To See You Smile/Tim McGraw) oder Paul Overstreet (When You Say Nothing At All/Keith Whitley) verschaffte und ihn in die Kniffe des Geschäfts einweihte. 2021 waren die Dinge dann so weit gediehen, dass er einen Publishing-Vertrag bei Major Bob Music bekam und ganz nach Tennessee übersiedelte. Die ersten beiden Nashville-Jahre arbeitete er noch drei Tage in der Woche auf dem Bau, an den anderen zweien schrieb er mit Chamberlain Lieder. Anders als bei manch anderen hoffnungsvollen Neuankömmlingen führte sein Weg nicht über die Bühnen entlang des Nashville Broadway, die sich auch schon als Fallen, aus denen man nicht mehr herauskommt, herausgestellt haben. Auftrittserfahrung hatte er bereits reichlich gesammelt. Für ihn ging es zunächst durch die Writing-Rooms der Stadt, wo erst einmal Grundlegendes im Liederschreiben erarbeitet wurde. Auch wenn die Ungeduld dabei nicht kleiner wurde.
Die Bühnen werden grösser
Letztes Jahr war er Opener für Steel Woods, Dwight Yoakam und Ashley McBryde und natürlich Gast bei zahlreichen Radiostationen überall entlang des Wegs. Dieses Jahr war er mit Flatland Cavalry, Dierks Bentley und Brothers Osborne unterwegs – und vor allem mit Lainey Wilson auf deren grosser „Country’s Cool Again“-Tour. „Besser als mit ihr hätte ich es gar nicht treffen können“, lautet sein Fazit. Ab Januar 2025 werden er und James Carothers (siehe Country Style Nummer 130/September 2021, Titelstory) Alan Jacksons fünf grosse Arenashows eröffnen, während er im selben Zeitraum seine erste eigene Tournee als Headliner unter die Räder nehmen wird.
Zunächst steht aber noch „Country’s Biggest Night“ – die CMA Awards 2024 – am 20. November in seiner Auftrittsagenda. Noch ist zwar nicht bekannt, wer dort alles im Showteil auftreten wird, aber mit seiner neusten Single I Never Lie könnte er als Nominierter und einer der Aufsteiger des Jahres mit klassischem Country-Sound in der nicht selten richtungsweisenen Kategorie „New Artist of the Year“ eigentlich in der engeren Wahl stehen für einen Showauftritt, der landesweite Beachtung vor einem TV-Millionenpublikum brächte.
Steigt auch die Nachfrage?
Schon seit geraumer Zeit geistert immer wieder der Begriff „90er-Revival“, also ein Neuaufleben des Sounds der letzten grossen Blütezeit der Country-Musik, durch die einschlägigen Medien. Nicht selten wird daraus abgeleitet, dass neotraditionelle Klänge wie die von Zach Top ein solches Aufleben oder gar einen Richtungswechsel anführen könnten, wofür die Beweislage allerdings weiterhin uneindeutig bis dünn ist. Zwar hat die Zahl der Künstler, die wieder mit traditionell geprägtem, aber dennoch modernem Liedmaterial den Erfolg suchen, erfreulich zugenommen, aber tatsächlich sind es die Künstlerinnen, die damit bislang die bemerkenswertesten Erfolge feiern: Lainey Wilson ist amtierende Entertainerin des Jahres beider grosser Country-Standesorganisationen. Sie, Carly Pearce oder Ashley McBryde waren seit der Pandemie alljährlich Anwärterinnen auf eine Sängerin-des-Jahres-Auszeichnung. Aber auch die jungen Megan Moroney und Ella Langley erreichen mit ihrem traditionell geprägten Sound gegenwärtig höhere Hitparadenplatzierungen und gewinnen mehr Preise als die meisten vergleichbaren männlichen Konkurrenten aus dem traditionellen Segment. Dennoch sind es die Erfolge der Männer, im Gegensatz zu Pop oder Hip-Hop, was in erster Linie zählt in der Country-Musik.
Falls es sich bloss um eine Neubelebung handelte, wäre auch das Potential beschränkt. Es bräuchte schon eine Neuentdeckung durch ein Publikum, das nach 1990 geboren wurde und die Country-Musik jenes Jahrzehnts nicht bereits selbst miterlebt hat. Ein Publikum also, das Zach Top und seine Musik als etwas Neues wahrnimmt im Gegensatz zur Boomer-Generation, die solche Klänge damals bereits direkt miterleben konnte und somit heute eher wie neuen Wein in alten Schläuchen empfinden mag. Diesen aber offenbar durchaus zu schätzen weiss. Ein derartiger Schwenk des Publikums, das gegenwärtig Morgan Wallen, Luke Combs oder Zach Bryan in grosser Zahl als Superstars feiert, ist nicht abseh- und mittelfristig auch nur schwer vorstellbar.
Die Erfolgsfaktoren
Dass jetzt Zach Top ein erster Durchbruch gelungen ist, und nicht einem anderen ähnlich talentierten Mitstreiter wie Randall King, William Michael Morgan, Jake Worthington, oder dem in seinem Heimatland bereits mehrfach ausgezeichneten Kanadier Jade Eagleson, mag auf den ersten Blick etwas erstaunen und glücklich anmuten, aber es gibt auch handfeste Gründe dafür. Hinter diesem Anfangserfolg steckt solides Können als Musiker und Performer praktisch von klein auf. Mit Carson Chamberlain hatte er einen erfahrenen, geduldigen Lehrmeister mit besten Kontakten und möglicherweise einer Vision – Keith Whitley II? – an seiner Seite. Er kam beim neuen Indie-Label – Leo33 – unter, das von zwei erfahrenen, ehemaligen Universal-Music-Group-Managerinnen gegründet worden war, wo er als „Flagship Artist“ volle Aufmerksamkeit geniesst, während seine direkten Konkurrenten bei ihren Labels oft genug viel weiter unten auf der Prioritätenliste stehen. Bei seinem Nashville-Debütstudioalbum „Cold Beer & Country Music“, das diesen Frühling erschien, wirkten erstklassige Studiomusiker wie Brent Mason (Gitarre) oder Paul Franklin (Pedal-Steel) mit.
Es ist gefällig herauskommen und liegt in den Country-Album-Charts weiterhin solide in den 20er-Positionen. Die Songs tragen durch die Bank seine Handschrift, aber der Einfluss des alten Hasen Chamberlain ist unverkenn- und unüberhörbar, ebenso wie jener von George Strait, Alan Jackson und Keith Whitley. Wer die 90er-Jahre selbst miterlebt hat, findet unter den zwölf Liedern zwar nichts wirklich Neues, geschweige denn Bahnbrechendes, aber so einiges, das gefallen könnte. Dazu verführt es vielleicht zum vergnüglichen Vergleich mit ein paar Sachen aus jener Ära wie Tracy Lawrences „Sticks And Stones“ (1991), Ken Mellons‘ gleichnamigen 94er-Debütalbum, David Balls „Thinking Problem“ aus demselben Jahr, Wade Hayes‘ „When The Wrong One Loves You Right“ (1998) oder gar Keith Whitleys brillantem zweiten Studioalbum „Don‘t Close Your Eyes“ (1988).
Sollte es Zach Top künftig gelingen, eine ganz neue Generation Hörer und Fans in (sehr) grosser Zahl für diesen Sound zu interessieren und zu begeistern und damit auch anderen Traditionalisten Aufwind zu verschaffen, wäre dagegen absolut nichts einzuwenden. Gegen Ende November wird man diesbezüglich wieder etwas schlauer sein. Seine erste Tournee als Headliner nächstes Jahr soll bereits ausverkauft sein.
„Ich war nie gut in diesen Cowboysachen auf der Ranch, also suchte ich mir etwas, worin ich gut war.“
(Zach Top im Interview mit Susan Alexander in der Sendung „On the record“, 2024)
Zach Top - «Cold Beer & Country Music Tour»
Samstag, 21.02.2026, 20:00 Uhr (Türöffnung 18:30 Uhr)
The Hall, Hoffnigstrasse 1, 8600 Dübendorf/ZH
Support: Wyatt McCubbin (USA)
Weitere Infos unter:
https://www.takk-abe.ch/artists/zach-top
https://www.thehall.ch/de/besuchen/zach-top
Tickets: Sitzplatz: CHF 87.- / Stehplatz: CHF 67.- (plus Gebühren):
https://www.ticketcorner.ch/event/zach-top-the-hall-20700959
Bestell-Hotline 0900 800 800 (CHF 1.19/min.): Montag–Sonntag, 8–20 Uhr
sowie alle Ticketcorner-Vorverkaufsstellen und Coop-City
