Spezialisten für positive Energie

Tuff Enuff bei ihrem Jubiläumskonzert in WIL/ZH (v.l.): Jacky Mäder, Thomas Gisler, Peter Burkhardt, Peps Dändliker, Patrick Oriet und Dario Dall‘ Angelo.
Tuff Enuff bei ihrem Jubiläumskonzert in WIL/ZH (v.l.): Jacky Mäder, Thomas Gisler, Peter Burkhardt, Peps Dändliker, Patrick Oriet und Dario Dall‘ Angelo.
Tuff Enuff sind seit 15 Jahren der lebende Beweis für den Physiklehrsatz: „Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden. Sie kann lediglich von einer Form in eine andere umgewandelt werden.“ Die Angst vor einer drohenden Stromlücke konnten sie zwar auch nicht verhindern, aber sie leisten seit 2008 ihren Beitrag, dass hierzulande keine Mangellage an mitreissender Country-Musik entstanden ist.

Als 2007 mit dem Ende der legendären Sunday Skifflers und der Band Double Trouble viel musikalische Energie zu verpuffen drohte, kam es wider Erwarten nicht zu einem Spannungsabfall im Netz, sondern das Gegenteil trat ein: Vorhandende Energie suchte sich neue Wege. Aus zwei Resten zuzüglich zweier Teile M-Project entstand ein neues dynamisches Ganzes: Tuff Enuff waren geboren.

Der Urknall 

Dass diese Fusion gelingen würde, stand keineswegs von vornherein fest. Weil Kunst nicht Wissenschaft ist, ging man das Experiment auch nicht im Labor und nach Formeln an, sondern im Versuchsreaktor Übungsraum nach Noten und Gehör. In Fehraltorf im Zürcher Oberland kamen 2008 die ehemaligen Sunday Skiffler-Mitglieder Peps Dändliker und Urs Marti mit den doppelten Troublemakern Peter Burkhardt und Thomas Gisler sowie Dario Dall’Angelo und Matthias von Orelli von M-Project zum gegenseitigen Beschnuppern und Experimentieren zusammen. Dabei wollte man ausloten, ob man allenfalls zusammenpasste als neue Band. Plötzlich waren da auch noch Chemiefragestellungen mit im Spiel; nicht zuletzt jene, ob man sich überhaupt riechen konnte.

Die Ausgangslage war offen, trafen doch Musiker aufeinander, die bisher in ganz unterschiedlichen Klangwelten zu Hause waren. Die beiden Sunday Skiffler waren Mitglieder einer Band gewesen, die sich über vier Jahrzehnte hierzulande fast schon Kultstatus erspielt hatte und es auch gelegentlich über die Grenzen nach Deutschland und Österreich ins dortige Fernsehen schaffte. Double Trouble hingegen waren eine hiesige Formation, die vor allem dem Blues und Rock frönte, deren Bekanntheit aber keine Grenzen überwunden hatte. Entgegen ihrem zweifelhaften Bandnamen waren sie jedoch keine Ansammlung von Tunichtguten, sondern von bluesaffinen Musikern, die viel mit dem Sound des texanischen Gitarristen Stevie Ray Vaughan anfangen konnten, dessen Begleitband schon so hiess.

Weil Vaughan in einschlägigen Kreisen Gitarrenheldenstatus geniesst – das „Rolling Stone“-Magazin führte ihn auf Platz zwölf seiner Rangliste der „100 grössten Gitarristen aller Zeiten“, das Magazin „Guitar World“ sogar auf Platz acht –, hätte man beim Versuch der Verbindung des rustikalen Skiffle-Sounds mit Vaughans beeindruckend feiner Blues-Kunst fast schon an musikalische Götterlästerung denken mögen. So auf Anhieb schienen diese beiden Musikstile überhaupt nicht zusammenzupassen. Nimmt man dann noch die beiden Ex-Mitglieder von M-Projekt hinzu, die aus der Band kamen, die den vielköpfigen und vielstimmigen Stäfner Gesangschor, ohne Nähe zum orangen Riesen, aber mit stilistisch breitem Repertoire, begleitete, kann man sich leicht ausmalen, dass die Geburtsstunden von Tuff Enuff in Fehraltorf womöglich auch ein anderes Resultat hätten zeitigen können als die neue „Liveband vom Zürichsee“.

Die Schnittstellen

Klanglich prallten da zwar Musikwelten aufeinander, aber es verband sie auch, da sowohl Skiffle als auch Vaughans Bluesrock, den er selbst lieber als R&B (Rhythm & Blues) bezeichnete, einmal stilbildend waren und nicht zuletzt beide den Blues im Stammbaum trugen.

Skiffle ist eine ursprüngliche Form der Volks- und Partymusik aus den USA, die sich in den 1920er- und 1930er-Jahren aus Blues-Anklängen, Barrelhouse-Piano, woraus später Boogie-Woogie wurde, sowie weiteren Einflüssen entwickelte. Dabei kamen als Instrumente typischerweise neben Gitarre und Banjo auch so unkonventionelle improvisierte Klangkörper wie Waschbrett, Waschwanne (Schweiz. Mundart: Gelte) oder Teekistenbass zum Einsatz. Nach dem geglückten Sprung über den Atlantik in der Nachkriegszeit der 1950er-Jahre erreichte Skiffle-Musik besonders in Grossbritannien enorme Popularität bei jungen Musikern und Publikum. Ob Beatles, Rolling Stones, The Who oder Led Zeppelin – in allen Anfangsformationen dieser grossen britischen Bands fand sich jemand, der einst in einer Skiffle-Truppe mit dem Musizieren begonnen hatte.

Der 1954 in Dallas geborene und 1990 bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommene Stevie Ray Vaughan war zu jung, um am Anfang einer epochalen Entwicklung der populären Musikgeschichte gestanden zu haben. Aber ihm, der zu Lebzeiten nicht selten auf eine Stufe mit Jimi Hendrix oder Eric Clapton gestellt wurde, wird zugeschrieben, dass er in den 1980er-Jahren massgeblich für ein unerwartetes Revival des Blues verantwortlich war. Zu einer Zeit, als Synthesizer und Drum-Maschinen dominant waren.

Was Einflüsse und Vorbilder betraf, hatten die Männer vom Zürcher Oberland das Heu zu Anfang zwar nicht auf der gleichen Bühne, aber es waren Schnittstellen vorhanden, aus denen sich etwas machen liess.

Das Energiekonzept

Ganz planlos waren die sechs Musiker, die sich da zusammenraufen wollten, nicht geblieben, nachdem sie herausgefunden hatten, dass man gar nicht schlecht zueinander passte und man es wagen könnte, sich in neuer Formation und mit einem neuen Sound wieder zurück Richtung Bühne aufzumachen. Was ja das Ziel der Übung war. „Country-Rock’n’More“ lautete die neue Formel, die gefunden und ausgegeben wurde, um damit ein Publikum möglichst anzulocken und zu begeistern. Geschichten, Energie und noch so einiges sollten auf dem Programm der neuen Band stehen, um das Blut künftiger Zuhörer und Zuhörerinnen etwas in Wallung zu bringen – jedenfalls so in der Art.

Punktlandung

Auf den Tag genau 15 Jahre nach dem Urknall in Fehraltorf waren sie am 10. Juni 2023 für einen Auftritt im „Häxehüsli“ (Restaurant Sterne) in Wil, im hohen Norden des Kantons Zürich, gebucht worden. Ein 15-jähriges Bestehen ist für eine Band keine Kleinigkeit – immerhin sind das fünf Jahre länger, als es beispielsweise die Beatles miteinander aushielten –, aber eine grosse Sache hatten sie daraus eigentlich auch nicht machen wollen. Jedenfalls hatten sie sich im Vorfeld keine allzu vertieften Gedanken gemacht, wie man das Jubiläum gebührend angehen sollte. Dann aber verbanden sie – pragmatisch und kreativ, wie sie eben sind – einfach das Praktische mit dem Nützlichen, und die ausgelassene Feier mit Gästen, Freunden, Publikum und Überraschungen konnte steigen dort draussen im geografischen Grenzbereich.

Fachleute für Zündendes

Was Tuff Enuff wohl am meisten auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, leicht den Draht zum Publikum zu finden und dann den Funken überspringen zu lassen. Auch wenn Skiffler Peps Dändliker dabei die besondere Rolle zukommt, ganz vorn am Bühnenrand mit ungewöhnlichen „Instrumenten“ wie Waschbrett, Schreibmaschine oder Rasseln am Stecken (Percussion) für Rhythmus zu sorgen und mit seinen launigen Ansprachen ans Publikum Stimmung zu machen, steckt noch einiges mehr hinter ihren lebendigen Bühnenshows. Da ist Gitarrist und Sänger Peter Burkhardt, der äusserlich ein enger Verwandter des Texas-Musik-Urgesteins Ray Benson (Asleep At The Wheel) sein könnte, dessen über die Zeit gewachsene Leidenschaft und Begeisterung für stilechte Country-Bühnenoutfits, Stars & Stripes auf seinen Gitarren und schmissigen Country-Rock’n’More-Sound unüberseh- und unüberhörbar sind. Zudem Keyboarder Jacky Mäder, ein Tastenmann, der seine Schnellig- und Fingerfertigkeit zahllosen Übungsstunden und dem Boogie-Woogie verdankt, was ihm einst sogar einen Eintrag ins „Guinness Buch der Rekorde“ brachte. Schlagzeuger Thomas Gisler ist nicht nur für den Takt und das Singen der Country-Songs mitverantwortlich, sondern sorgt am Steuer des Bandbusses auch seit Jahren dafür, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher zu ihren Auftritten und wieder nach Hause kommen und dabei immer alles Material sicher verstaut bei sich haben. Seine Fähigkeiten als Lademeister sind berühmt. Bassist Dario Dall’Angelo trägt nicht nur einen waschechten Südstaatennamen, er stützt das Gefüge bereits seit den ersten Tagen. Nicht zuletzt, indem er beständig am Herumzupfen ist. Mit dem neuen Leadgitarristen und Sänger Patrick Oriet kamen 2022 auf dieser Position, wo es in den letzten Jahren am meisten Wechsel gab, hoffentlich wieder mehr Kontinuität und sogar gesangliche Möglichkeiten hinzu. Jetzt ist sogar dreistimmiger A-cappella-Gesang machbar.

Beliebte Wärmespender

Die Energie, die Tuff Enuff ausstrahlen, macht sich das im Winter stattfindende Internationale Country Festival im Zürcher Albisgütli seit vielen Jahren regelmässig zunutze, auch um die Saaltemperatur beim beliebten „American Brunch“ gleich von Anfang an auf angenehme Betriebstemperatur zu kriegen an kalten ­Februartagen. Auf dem Spezialgebiet der Unterhaltung und Untermalung ausufernder Sonntagsverpflegungsgelegenheiten, gehören sie dort seit Jahren zu den gefragten und beliebten Stars. Mag es ihnen in der „Smells like Eggs and Bacon“-Umgebung des Albisgütli möglicherweise nicht ganz so gelingen, den Nerv der Zeit zu treffen, wie das ihre Grunge-Kollegen von Nirvana seinerzeit mit Smells Like Teen Spirit schafften, sollte die Fähigkeit nicht unterschätzt werden, einen Saal voll hungriger Country-Fans richtig dosiert und passend zum Ambiente durchs Schlemmen zu begleiten und sie dabei womöglich auch noch tänzerisch zur erneuerbaren Wärmeerzeugung im grauen Zürcher Winter anzuregen. Auf diesem Gebiet meistern sie es schon seit Jahren, die richtige Energie auszustrahlen und zu verbreiten, ohne dass sie einfach verpufft im weiten Saal mit dem grossen Buffet. Entweder man ist Spezialist für positive Energie oder man ist es nicht.

Es bleibt vollgetankt

Mit drei Alben – „Enough Tough Stuff“ (2010, vergriffen), „Keepin‘ It Rural“ (2013) und „Keep It Up“ (2018) – seit Gründung sowie rund einem Dutzend Auftritten pro Jahr zählen sie zu den gut beschäftigten und produktiven hiesigen Country-Bands. Weil einige Mitglieder aber keine Jungspunde mehr sind, wird es wohl bei drei Alben bleiben und die Zahl der Auftritte voraussichtlich eher ab- als zunehmen. Für das zweite Halbjahr 2023 steht noch eine knappe Handvoll Termine in ihrem Auftrittskalender, darunter sogar einer auf dem Wasser. Es sind aber bereits auch schon erste Auftrittsdaten für das nächste Jahr notiert – für alle, welche „die Liveband vom Zürichsee“ wieder an Land erleben möchten. Und wie meinte Peter Burkhardt lachend auf die Frage, wie viel Energie noch in der Band drinstecke: „Vollgetankt, wie am Anfang!“

„Weitermachen solange es Spass macht und geht.“

(Tuff Enuff auf die Frage nach den weiteren Plänen im Gespräch mit Country Style am 7. Juni 2023)